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Ungarn - Zwischen Tiefebene und Hochkultur |
Ungarn: Das Klischee von Zigeunerromantik und Operettenseligkeit hat sich überlebt Die weite Puszta mit ihren wilden Pferden. Der Balaton mit seinem fast schon badewannenwarmen Wasser. Und Budapest, die Perle an der Donau. Impressionen einer Rundreise. Zuerst ist es nur eine große, gelbbraune Wolke am Horizont, die schnell näher kommt - schnurgerade auf uns zu, begleitet von einem Geräusch, das wie ferner Donner klingt und den Boden erzittern lässt. Einen Augenblick später taucht eine Herde von Wildpferden aus dem Staub der aufgewirbelten Erde auf. Mit wehenden Mähnen jagen sie vorbei und verschwinden hinter einer Baumgruppe - wie ein Spuk, der schon nach Sekunden vorüber ist. Und doch: Die beiden trägen Kaltblüter, die den Zweispänner ziehen, scheinen vom Temperament ihrer frei lebenden Artgenossen angesteckt zu sein. Schlagartig wechseln sie vom gemütlichen Trab in Galopp und preschen über die Sandpiste, dass Zoltan auf dem Kutschbock alle Mühe hat, das Tempo zu zügeln. Ferien in der ungarischen Puszta: Am Eingang zum Kiskunsági-Nationalpark, einem rund 40 000 Hektar großen Naturreservat in der Bugac-Puszta zwischen Donau und Theiß, hat uns Zoltan am frühen Morgen abgeholt. Jetzt, nach einer Stunde schweigsamer Fahrt, wendet er sich zu uns um und deutet auf ein Gebäude, dessen riesiges Schilfdach fast bis zum Erdboden reicht. Seine Worte, eine Mischung aus Deutsch und Ungarisch, verschluckt der Wind. Doch wir verstehen, was er sagen will: Das Haus am Ende des Weges, versteckt zwischen Birken und Wacholderbüschen, ist sein Bauernhof. Er wird für die nächsten zwei Nächte unser Ferienquartier sein. Die ungarische Tiefebene südlich von Budapest, in der angeblich die meisten Sonnenstunden Mitteleuropas gezählt werden, hat sich in den vergangen fünf Jahren zu einem aufstrebenden Feriengebiet entwickelt. Immer mehr Bauern in der Bugac-Puszta und ihrer Schwester, der Hortobágy-Puszta, verzichten heute lieber auf die Rinderzucht und wandeln die Ställe zu Ferienwohnungen oder Reiterhöfen um. Für uns soll der Besuch im Kiskunsági-Reservat nur ein kurzer Abstecher sein - Zwischenstopp auf einer Reise durch Ungarn, da darf die Puszta natürlich nicht fehlen. Zwei Wochen lang wollen wir das Land der Magyaren mit dem Auto erkunden. Wir wollen ungarische Küche und Weine genießen und ein wenig der Fama dieses Landes nachspüren, durch das angeblich immer noch ein Hauch von Zigeunerromantik und Operettenseligkeit weht. Passt das noch ins Bild des modernen Ungarn? "Unsinn", sagt Zoltan, der selbst zur ungarischen Minderheit der Tzigane gehört, der Zigeuner (die Bezeichnung ist in Ungarn nicht abwertend). "Wir sind heute genauso integriert wie alle anderen in diesem Land. Wir arbeiten und zahlen Steuern. Zigeunerromantik? Nun, vielleicht ist das die Musik, die Urlauber heute noch in den Weinlokalen von Budapest hören können." Budapest, "Perle der Donau": Sie empfängt uns in der morgendlichen Rushhour mit Smog, Lärm, verstopften Straßen. Innerhalb der letzten Jahre ist die Zahl der Autos in der Metropole auf mehr als eine halbe Millionen gestiegen. Das Leben pulsiert. Und erst recht das Nachtleben. Die stolze Stadt, inzwischen auf rund zweieinhalb Millionen Einwohner gewachsen, präsentiert sich selbstbewusst als das Paris des Ostens. Neobarock, Neoklassizismus und Neorenaissance: Die historisierenden Baustile, mit denen Ungarn Ende des 19. Jahrhunderts die tausend Jahre seiner Geschichte feierte, haben Budapest in ein facettenreiches Museum der Architektur verwandelt. Nostalgie, wohin man blickt. Auch Szentendre, 20 Kilometer donauaufwärts, wirkt auf den Besucher so, als sei es gerade einem Bilderbuch habsburgischer Geschichte entsprungen. Österreicher, Ungarn, orthodoxe Serben haben die Stadt geprägt. Allerdings: Die einstige Pracht ist vergangen, die vielen Barockgiebel im leuchtenden Maria-Theresia-Gelb nur noch eine Staffage für Touristenfotos. Töpfer und Kunsthandwerker, Maler und Schmuckschmiede sind in die Häuser eingezogen. Doch wenn man die Augen schließt, kann man sich gut vorstellen, wie hier früher die feine k.u.k.-Gesellschaft flanierte - hinauf zum Burghügel mit der barocken Johanneskirche, von dem der Blick weit über das Land reicht, bis zu den Städten Visegrad und Esztergom am "Donauknie" und zu den Vulkanbergen, durch die sich der Fluss in einer scharfen Wendung den Weg nach Süden sucht. Mit 595 Quadratkilometern Fläche und 70 Kilometern Länge ist der Balaton der größte Binnensee Europas. Und sicher auch der wärmste. Bei einer Tiefe von nur zwei, drei Metern steigt die Badetemperatur im Sommer schnell auf 28 Grad. Zwischen den Weinbergen am Ufer drängen sich Hotels und Ferienhäuser in unendlicher Zahl. Wir suchen uns ein Hotel in Heviz, fünf Kilometer vom Ufer des Plattensees entfernt, berühmt für seinen Heilwassersee, in dem sich angeblich schon die alten Römer gesund badeten. Schade nur, dass der Ort inzwischen mit Kuranlagen vollgepflastert ist. Ein Wellness-Hotel reiht sich an das andere: Heilwasserbecken, Kneippbäder, Caldarium, Aroma-Sauna, Erlebnisduschen - das Angebot, etwas für die Gesundheit zu tun, ist so umfangreich, dass sich auch der Gesündeste nach wenigen Tagen völlig strapaziert fühlt. Entfliehen kann man dem Fitness-Rummel am besten in den kleinen Dörfern hoch über dem Plattensee, wo gemütliche Czardas auf den Urlauber warten. Auf der Speisekarte steht nicht nur die höllisch scharfe Gulaschsuppe, sondern vor allem der schmackhafte Fogas - frischer Zander aus dem Balaton, in viel Knoblauch gebraten. Und die Weinkarte bietet so seltene Tropfen wie Grauer Mönch, Blaustengler und Welschriesling. Ebenfalls einen Abstecher wert: Schloss Keszthely am Nordwestufer, der schönste Rokokobau Ungarns, mit reichen Kunstsammlungen und einer Bibliothek mit 90 000 Bänden. Unsere letzte Station: Debrecen, die zweitgrößte Stadt des Landes, nur wenige Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Auch hier vergangene Pracht, wohin man schaut. Gewiss: Wo nicht renoviert wurde, hat der Glanz von einst zu bröckeln begonnen. Auch das Grand Hotel "Arayabika", ein pompöser Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert, hat sicher schon bessere Zeiten gesehen. Im Restaurant streben mächtige Säulen voller Jugendstildekor zur mit Kronleuchtern behängten Decke. Bunte Glasfenster filtern das Sonnenlicht. Nur die Debreciner Würstchen mit Senf und Sauerkraut auf dem Frühstückstisch wollen nicht so ganz in die elegante Atmosphäre passen. Aber man muss Ungarn lieben. Auch mit seinen charmanten Schönheitsfehlern. Quelle: Hamburger Abendblatt (abendblatt.de) |
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Barocke Prachtgärten und ultramoderne Architektur |
Kultouren Hannover: Im zweiten Teil unserer Sommer-Serie besuchen wir die ehemalige königliche Residenz Die Stadt an der Leine überrascht durch Kontraste und fasziniert mit Kunst an allen Ecken. Hamburg - Wir treffen uns "unterm Schwanz". Als gebürtige Hannoveranerin und ehemalige Ministerin für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen weiß Helga Schuchardt: "Ob verliebt, verheiratet oder keins von beiden: Alt und Jung verabredet sich in Hannover bei der Reiterstatue von Welfen-König Ernst August I. am Bahnhofsvorplatz." Hier erwartet uns auch Erwin Schütterle. 1974 vom Bodensee zugereist, fühlt er sich pudelwohl in der "Provinz". Der Geschäftsführer des Freundeskreises Hannover macht sich zur Aufgabe, seinen Mitbürgern mehr Selbstbewusstsein und Stolz auf die Stadt beizubringen. Er erklärt sich das tief sitzende Provinzler-Gefühl historisch: "123 Jahre lang war Hannover vom englischen Königshaus aus regierte Provinz." Nach dem Krieg haben die Hannoveraner den britischen Botschafter sogar gebeten, wieder Provinz werden zu dürfen, amüsiert sich Schuchardt. "Doch mit der Expo 2000 ging ein Ruck durch die Stadt", betont die Ex-Ministerin, von 1990 bis 1998 im Amt. "Erst waren die Leute dagegen, dann begeistert. Sie hat sehr vieles verändert." Hat unser Meetingpoint noch frivolen Witz, ist die erste Aussicht alles andere als heiter. Ringsum Kaufhaus-Betonburgen. Wir schlendern durch die Niki-de-Saint Phalle-Promenade, da öffnet sich am Kröpcke der Blick auf den Flanier-"Boulevard" Georgstraße und die Marktkirche in der Altstadt. Durch ihr Gassenlabyrinth leitet ein Roter Faden auf dem Pflaster. Eingekreiste Nummern verweisen auf Sehenswürdigkeiten. Sie werden im Handbüchlein erklärt. Forsch unseren "Faden-Führer" links liegen lassend - wir haben ja ortskundige Begleiter -, entdecken wir eine mit blau-weißen Kacheln und Kuchen lockende Holländische Kakaostube. "Sie ist für uns, was für Wien das Café Hawelka ist", nimmt unser Hannover-Freund den Mund etwas zu voll. Es lohnt sich, nicht immer dem "roten Strich" zu folgen. Der krasse Gegensatz von Bausünden und Prachtbauten prägt die City: Plastikverschalte 70er-Jahre-Kästen und türmchenverzierte Backsteingotik, ultramoderne Glas-Stahl-Architektur am Aegidientorplatz und das historistische Neue Rathaus. "Kein Privileg von Hannover", ergreift Schütterle Partei und verweist am Leibnizufer auf pittoreske Perspektiven. Nicht zu übersehen: die knallbunten "Nanas". 1974 ein Skandal, markieren die drei "drallen Weiber" von Niki de Saint Phalle den Beginn der Skulpturenmeile mit Kunst im öffentlichen Raum und gelten als Wahrzeichen. Ihre Schöpferin ist seit 2000 erste und einzige Ehrenbürgerin Hannovers und vermachte 300 Werke dem Sprengel-Museum, ebenfalls ein Muss für Fans des Merz-Künstlers Kurt Schwitters (geöffnet: Di 10-20 Uhr, Mi bis So 10-18 Uhr). Kunst in allen Spielarten bietet der einstige Kurfürstensitz: Von (rekonstruierter) Backsteingotik bis zur Avantgarde wie dem schiefen Frank-Gehry-Turm. Um die Ecke am Steintorplatz, im Schatten des "Anzeigerhauses" - 1947 begann hier die Geschichte des "Spiegels" - residiert die Kestner-Gesellschaft. Helga Schuchardts Lieblingsort. Sie betrieb den Umbau des früheren Goseriedebades in ein Museum für zeitgenössische Kunst. Die Ausstellung "back to black" dokumentiert die Farbe Schwarz in der aktuellen Malerei (bis 10.8., geöffnet: Di bis So 10-19 Uhr; Do 10-21 Uhr). Hannover ist im Vergleich zum grünen Hamburg noch grüner. Der Stadtwald Eilenriede ist zweimal größer als der Central Park. Ein im Barockstil erhaltenes Juwel ist die Parkanlage von Herrenhausen. Im Wallmoden-Palais des Georgengartens residiert das Wilhelm-Busch-Museum (geöffnet: Di bis Fr 11-17 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr). Die Sinne erheitert die Ausstellung "Wilhelm Busch - erotisch, komisch, gnadenlos" (bis 9. 11.), den Leib ein Schmaus im hübschen Café. Der Große Garten an sich ist schon spektakulär. Doch bietet er noch dazu Spektakel wie das legendäre "Kleine Fest im Großen Garten" (www.kleinesfest-hannover.de). Zum 23. Mal findet es bis 27. August von Mittwoch bis Sonntag statt, bietet auf Wegen, an Brunnen und zwischen Hecken Akrobatik, Gaukelei, Gesang, Poesie und Spaß an 31 Spielorten und zum Finale ein Feuerwerk. 200 Karten sind täglich noch zu erhalten, bis zu 3000 Leute kommen. Denn Bewölkung oder feuchter Rasen trüben keineswegs die Tafelei der mit Bollerwagen wohlgerüsteten Großfamilien. Wären da nicht Riesenameisen, die ihnen Happen vom Teller schnappen! Das Theater Pikante gehört zu den 111 Gruppen aus 15 Nationen, die für Unterhaltung sorgen. Heuschrecken von der Shalton Company jagen vor Vergnügen quietschende Kinder, schillernde Schmetterlinge des Teatro Pavana umflattern das große Brunnenbecken. In majestätischer Langsamkeit, doch effektvoll aufgetakelt schleicht der Schneckenkönig mit seiner Entourage von Art Tremondo die Kieswege entlang. Im alten Park ist sein Reich, nicht in der neuen Zeit. Denn spätestens seit der Expo 2000 versucht Hannover zubetoniertes Mittelmaß und Provinzmentalität zu überwinden, sich kunstsinnig und offen der Moderne anzuschließen. Quelle: Hamburger Abendblatt (abendblatt.de) |
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Querpass durch das Land des Kickens: Nordrhein Westfalen |
Nordrhein-Westfalen: Hier gibt es die einzige Themenstraße, die einen Bezug zum Sport hat Der Fußball spiegelt rund ums Revier das Lebensgefühl vieler Einheimischer wider. Der Stolz auf legendäre Spieler ist fast überall zu spüren. Wenn der "Boss" einen hob, dann meist in der "Friesenstube" im Stadtteil Frohnhausen. Die Kneipe war ebenso sein Revier wie der grüne Rasen. Dabei trank Helmut Rahn, einer der Wunderhelden von Bern, auch in späteren Jahren öfter als einmal einen über den Durst - und vor allem mehr, als gut für ihn war. Immer wieder fragte ihn ein anderer Zecher: "Helmut, erzähl mich dat Tor." Jenes Tor natürlich, das Deutschland 1954 zum Fußballweltmeister machte. Rahns Lieblings-Pinte ist nur eine von elf Stationen einer Entdeckungstour zum Thema Fußball durch Essen. Und die Stadt ihrerseits ist eine von 15 Stationen der "Deutschen Fußballroute NRW". Die 550 Kilometer lange Ferienstraße zum Thema Kicken beginnt in Aachen und führt über das Rheinland nach Bielefeld durch Bundesliga-Städte von heute und ehedem und ist einzigartig in Deutschland. Bundesweit gebe es zwar mehr als 150 Ferienstraßen zu unterschiedlichsten Themen, aber "nur eine einzige, die einen Sportbezug hat - die Deutsche Fußball Route NRW", hat der Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf die Tour gelobt. Das Ruhrgebiet quert sie in wüstem Zickzack. Denn allenfalls noch im Rheinland knubbeln sich hierzulande derart viele Fußballvereine, die in den vergangenen hundert Jahren den Sprung in die Bundesliga geschafft und es dort sogar noch zu etwas gebracht haben. Nordrhein-Westfalen ohne Fußball - das wäre einfach undenkbar. Städte mit reicher Fußballgeschichte gehören zur Route, zum Beispiel Dortmund, Köln, Gelsenkirchen, Oberhausen und Bochum. In jeder dieser Städte gibt es wiederum elf Stationen, darunter befinden sich wahre Kultstätten für die jeweiligen Vereinsanhänger, aber auch andere Orte, die meist mehr oder minder in Verbindung mit dem lokalen Fußball stehen. Die Idee zu dieser legendären Fußballroute hatte Gregor Gdawietz, promovierter Betriebswirt und Geschäftsführer des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes (WFLV). Zusammen mit dem Sportjournalisten Roland Leroi hat er einiges Wissenswertes zum Thema König Fußball in einem Buch über die Fußballroute zusammengefasst. Darin heißt es: "Weltweit gibt es kaum eine vergleichbare Dichte an Fußballarenen, Spitzenvereinen und Fans wie in NRW." Nordrhein-Westfalen sei "in Deutschland mit Abstand das Fußballland Nummer eins". Das dürften vielleicht sogar - wenn auch schweren Herzens - selbst die Fans von Bayern München und dem HSV akzeptieren. Vielleicht beschreibt nichts besser den Wandel des Fußballs im 20. Jahrhundert als eine kleine Namenskunde der einzelnen Stadien in Nordrhein-Westfalen. Was früher noch nach Schweiß und Kohlenstaub roch, klingt heute eher nach dem Geld der Sponsoren - zum Beispiel "Signal Iduna Park" statt Dortmunder Westfalenstadion. Und das Ulrich-Haberland-Stadion, benannt nach einem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Bayer-Konzerns, heißt inzwischen auch "BayArena". Man muss sich einmal vorstellen, die Fußball-Urgesteine Fritz Szepan und Ernst Kuzorra oder später auch Reinhard "Stan" Libuda hätten damals für Schalke 04 statt auf der "Kampfbahn Glückauf" in der "Veltins-Arena" spielen müssen - und bei ihren Auswärtsspielen im Bochumer "rewirpowerStadion" oder in der "LTU-Arena" von Düsseldorf. Sie hätten entweder ihre Fußballschuhe an den Nagel gehängt - oder sich doch gefügt und das viele Geld kassiert, das die Gladiatoren des modernen Profi-Fußballs in allerlei Stadien eben verdienen können.
Die Bielefelder Alm darf sich heute mit dem hübschen Namen "Schüco-Arena" schmücken. Wie es zu dem ursprünglichen Stadion-Namen kam, ist umstritten, doch die lustigste Erklärung dürfte die sein, dass es sich bei der zurzeit noch 26 600 Zuschauer fassenden Spielstätte um die höchstgelegene der Bundesliga handele: Man brauche dort ein Jahr für den Aufstieg - und ein Jahr für den Abstieg. Und die Bielefelder Kicker haben diverse Aufs und Abs hinter sich, mehr als alle anderen Fußball-Mannschaften der oberen Klassen. Noch vor Thomas von Heesen, Frank Pagelsdorf, Patrick Owomoyela und Ewald Lienen dürfte Torhüter Ulrich "Uli" Stein mit seinen 512 Bundesliga-Einsätzen wohl zu den bekanntesten Spielern der Arminia gehören. Er begann hier 1976 als 21-Jähriger seine Laufbahn, zwei Jahre später als Profi. Im Bielefelder Stadion "Rußheide" - auch dieses eine Station der berühmten Fußballroute - gab Stein im Alter von 49 Jahren ein Comeback - als kurzerhand eingesprungener Torwart des VfB Fichte Bielefeld im Spiel gegen die Amateur-Auswahl der Arminia. Das Spiel endete 2:2 unentschieden, Stein kassierte zwei Treffer - beide natürlich völlig unhaltbar. Am anderen Ende der Fußballroute wartet Aachen auf die Freunde des runden Leders. In der Kaiserstadt wurde das Kicken erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts an höheren Schulen gepflegt, zum Beispiel am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium und am Realgymnasium sowie an der Oberrealschule. Jene 18 Schüler, die am 16. Dezember 1900 den "Fußballclub Alemannia" gründen sollten, kickten erstmals auf dem Marienthaler Kasernenhof zusammen, wo regelmäßige Übungsspiele der Lehranstalten stattfanden. Die Aachener Profis von heute rennen dem Ball auf dem "Tivoli" hinterher - seit achtzig Jahren das Stadion der Alemannia und seit 1999 mit Rasenheizung. Das "enge, echte Fußballstadion" (Wolfgang Overath) bietet nur einer Minderheit, nämlich 3700 von 21 300 möglichen Zuschauern, einen Sitzplatz. Ein neues Stadion ist geplant. Quelle: Hamburger Abendblatt (abendblatt.de) |
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Liebesmale und erotische Menüs |
Norwegen: Nord-Hidle ist eines der sieben bewohnten Eilande Sjernaroyanes Auf der kleinen Insel leben 25 Menschen und 143 Schafe. Und dann ist da noch der ein oder andere Phallus aus Stein. Die rothaarige Frau mit den Katzenaugen und den fröhlichen Sommersprossen umarmt den Phallus wie einen guten alten Freund. Der baumhohe Stein ist ein Relikt von der ersten Besiedlung Norwegens und steht in ihrem Garten. Vor 2000 Jahren symbolisierte er Fruchtbarkeit, später wurde er zum Grabstein. Heute steht der Monolith einfach nur noch da, bedeckt mit Moos und Altersflecken, ragt er in den Himmel und hat nichts mehr zu tun, als sich von Terjer umarmen zu lassen und den Besuchern als Fotomotiv zu dienen. "Viele Funde erzählen von der früheren Beziehung zwischen Mann und Frau", erklärt die Inselbewohnerin Terjer Hidle. "Sie zeigen dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat", meint sie lachend und führt die Gruppe weiter über den jahrtausendealten Kulturpfad auf ihrer Insel Nord-Hidle. Zwei der steinernen Phalli aus der Bronzezeit, die hier ausgegraben wurden, stehen inzwischen im Museum in Stavanger, eine Schnellbootstunde weiter südlich. Das hügelige Inselchen vor der südnorwegischen Küste ist mit eineinhalb Quadratkilometern kleiner als Helgoland und nur per Fähre oder Boot erreichbar. Die Besucher, hauptsächlich gebildete Frauen ab Mitte vierzig, kommen nicht nur wegen der erregenden Archäologie. Hier können sie auch dem Alltagsstress entfliehen. Denn das kleine Eiland ist ein Hort der Stille. 25 Menschen wohnen hier und 143 Schafe. Es gibt keine Autos, keinen Verkehrslärm, keine Rasenmäher. Allein der Wind raschelt im Apfelbaum, und ab und zu blökt ein Schaf. Terjers Stammgäste lieben die saftig grünen Hügel und den Blick aufs Meer. Sie schauen gern den Schafen zu, wie sie arbeiten und ganz von sich aus das Gras kürzen, bevor die Halme an ihren Ohren kitzeln, oder wie der Wind im Fell eines jungen Lammes wühlt, das gerade am Euter der Mutter nuckelt. Wer Bewegung mag, schwimmt im Boknafjord oder fährt Fahrrad auf einer der wohl schönsten Teilstrecken der Nordseeroute, die hier vorbeiführt. Das Klima ist mild, es regnet selten, und der Westwind trägt die Mücken mit sich fort. Nirgendwo in Norwegen liegt die Durchschnittstemperatur höher. Vor einigen Jahren wurde die Stille einmal vom Ticken eines Weckers gestört, den Terjer nach ihrem Landwirtschaftsstudium aus Oslo mitbrachte. "Ich habe ihn schnell entsorgt", sagt sie und macht eine wegwerfende Handbewegung. Trotzdem ist die Zeit für Terjer nicht stehen geblieben. Die temperamentvolle Unternehmerin war lange politisch engagiert, sie hat in der Entwicklungshilfe in Bolivien und Tansania gearbeitet. Bis sie feststellte, dass das Gras woanders auch nur grün ist, dass es aber auf Nord-Hidle besonders leuchtet. Seit ihrer Rückkehr züchtet sie Schafe, Weihnachtsbäume und Stechpalmen. Nun hockt sie inmitten junger, hellgrüner Nordmanntannen vor einem runden, weißen Stein. Während sie erzählt, gestikuliert sie mit ihren blassen Händen, die sie schließlich faltet und auf den steinernen Phallus legt, als wäre er eine Wahrsagerkugel. "Wer ihn berührt, soll acht Kinder bekommen", ruft sie und schaut durch ihre eckige Brille erwartungsvoll in den Himmel. Zwei wikingerblonde Söhne hat sie schon. Mag sein, dass sie sich gerade sechs weitere Kinder wünscht oder zumindest den Mann dafür. Denn ihr ehemaliger lebt jetzt auf der Nachbarinsel.
Sieben bewohnte Inseln mit insgesamt 3000 Einwohnern gehören zur Inselgruppe Sjernaroyane. Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Laut Terjer könnte das Wort sjerna vom altnordischen Verb serda kommen, was so viel wie "beischlafen" heißt und zum damaligen Fruchtbarkeitskult passt. Außer Nord-Hidle sind alle Inseln durch Brücken untereinander verbunden. Deshalb ist hier der Kontakt zu den Nachbarn mit großem Aufwand verbunden. "Dabei den Traummann zu finden, ist nicht ganz leicht. "Wir haben zwar eine breite Autobahn vor der Tür", sagt Terjer und zeigt auf das Meer, wo gerade ein Schnellboot vorbeiflitzt, "und auch die Fährverbindungen sind gut, doch spontan geht hier nichts. Alles muss geplant werden", bedauert sie. Dann winkt sie ihrer Mutter zu. Die weißhaarige Frau will gleich mit der Fähre hinüber zur Kircheninsel, dort beten und den Pfarrer besuchen. Morgens schippern die Kinder zur gegenüberliegenden Schulinsel. Einkauf und Behördengänge erledigt Terjer auf Finnoy, dem Sitz der Verwaltung. Immerhin gibt es Strom. Die ersten Kabel wurden Mitte der 1950er-Jahre durchs Meer verlegt. Vorher sorgte die Windmühle, die ihr verstorbener Vater gebaut hatte, dafür, dass Licht brannte und sie bügeln konnten. Seit Terjer ihren eineinhalbstündigen Spaziergang zu den Ausgrabungen mit erotischen Geschichten aufpeppt, kommen immer mehr Männer, sogar Firmen machen ihren Betriebsausflug hierher. Auf Vorbestellung kocht Terjer dann auch Menüs, die nicht nur die kulinarische Lust entfachen: So soll Rosengelee in Marzipan zum Beispiel die Sinne benebeln und Lammbraten in Liebstöckel-Soße den Eisprung fördern. Und Hühnereiern wird nachgesagt, dass sie die Manneskraft stärken. "Liebstöckel hilft schließlich auch bei der Ovulation von Kühen!" Terjer schmunzelt. "Die erotischen Menüs sind lecker und amüsant. Es ist ein Gag. Wir lachen dabei immer viel", erzählt sie voll Begeisterung den Besuchern, die jetzt gemütlich beim Kaffee auf der Bank unter der Rosenhecke sitzen, und reicht ihnen Marzipanpralinen zum Kosten. Seitdem sie das Erotik-Lexikon studiert hat, sät Terjer in ihrem Garten stimulierende Kräuter und Gemüse. Auf den Tellern ihrer Gäste kullern Zutaten wie Möhren, Erdbeeren, Tomaten, die durch Form, Farbe, Geruch oder Geschmack an das "Schönste auf der Welt" erinnern sollen. Ob Terjers Vater schon von der erotischen Wirkung dieser "Liebesfrüchte" wusste, ist unklar. Jedenfalls hat er schon 1938 Tomaten angebaut. Heute gedeihen auf den "Tomateninseln", wie Sjernaroyane auch genannt wird, mehr als ein Drittel der norwegischen Landesproduktion. Und irgendwie scheinen all die Fruchtbarkeitssymbole aus Stein und Gemüse tatsächlich die Gebärfreude zu steigern: Denn auf Nord-Hidle sind die Hälfte der Einwohner Kinder und Jugendliche. Quelle: Hamburger Abendblatt (abendblatt.de) |
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