Spanair-Tragödie: Piloten meldeten Defekt an dem Urlauberjet, erhielten jedoch die Startfreigabe Der Vorwurf: Techniker schalteten einen überhitzten Messfühler an Bord einfach aus, statt ihn zu reparieren. Das Protokoll der Katastrophe. Madrid - Todesflug LH 2554 nach Gran Canaria: Eine vierköpfige Familie aus Pullach (Bayern) und eine weitere Deutsche gehörten mit großer Wahrscheinlichkeit zu den 153 Opfern der Katastrophe von Madrid. Claudia (38) und Gerd M. (50) sowie ihre Söhne Lucas und Niklas (5 und 8) stehen ebenso auf der Passagierliste wie eine fünfte Deutsche. 19 Verletzte kämpfen ums Überleben. Von der neunköpfigen Spanair-Crew der MD-82 überlebte nur eine Stewardess. Wie konnte es zu der größten Katastrophe in der spanischen Luftfahrt seit 1983 kommen? 13 Uhr: Spanair-Flug JK 5022, der als Lufthansa-Partnerflug auch die Codeshare-Nummer LH 2554 hat, soll planmäßig starten. Zum Einsatz kommt eine Maschine, die in den vergangenen Tagen schon wegen technischer Probleme auffiel, so die spanische Zeitung "El Mundo". Zwei Flüge hätten deswegen bereits gestrichen werden müssen. 13.42 Uhr: Die MD-82 rollt das erste Mal zum Start. Eine Warnlampe signalisiert den Piloten eine "Überhitzung in der Luftzufuhr", und der Kapitän fordert einen Techniker an, weil das linke Triebwerk Probleme mache, berichtet später ein Flugkoordinator. Der Jet kehrt zum Terminal zurück. Ein Außentemperaturfühler wird abgeschaltet, aber nicht repariert. Nach Überprüfung der Maschine geben Techniker das Flugzeug wieder zum Start frei - nach Angaben von "El Mundo" wurde nur auf eine Reparatur verzichtet, um die Verspätung so gering wie möglich zu halten. 14.45 Uhr: Die Maschine rollt erneut auf die Startbahn 36 und beschleunigt. Als das linke Triebwerk in Brand gerät, verlieren die Piloten die Kontrolle. Aus nur etwa zehn Meter Höhe stürzt der Jet in ein ausgetrocknetes Flusstal am Rande des Flughafens, geht in Flammen auf. Spaniens Verkehrsministerin wies Berichte zurück, wonach auch die Finanzprobleme von Spanair eine Rolle gespielt haben. Die Gesellschaft habe alle Sicherheits-Checks an ihren Maschinen ordnungsgemäß vornehmen lassen. Demgegenüber berichtet "El Mundo", bei Spanair hätten chaotische Verhältnisse geherrscht. "Die Piloten mussten aufgrund von Personalmangel zuweilen die Aufgaben von Technikern miterledigen." Ist es vorstellbar, dass an der Sicherheit gespart wurde? Das Abendblatt sprach mit Achim Figgen, Redakteur beim Luftfahrt-Magazin "Aero International". Er sagt: "Das wäre reine Spekulation. Wenn die Sicherheit nicht die strengen Vorgaben der Flugzeughersteller erfüllt, verliert eine Airline ganz schnell ihre Lizenz." Spanien sei in dieser Hinsicht nicht unsicherer als Deutschland. Figgen: "Die Zulassungsbedingungen für die Wartungsbetriebe sind in Europa einheitlich." Spanair sei bisher "noch nicht einschlägig" als Pannen-Airline aufgefallen. Was berichten die Überlebenden? "Als ich den Kopf hob, sah ich überall Leichen", sagt Fluggast Ligia Palomino (41), eine Notärztin, die mit Ehemann und Schwägerin in den Reihen 14 bis 17 saß und ins Freie geschleudert wurde, weil die Maschine an eben dieser Stelle auseinanderbrach. Die Kolumbianerin sagt, sie sei für einen Moment bewusstlos gewesen, nachdem das Flugzeug über das Rollfeld geschossen sei. Von der Explosion eines Treibstofftanks sei sie wieder aufgewacht: "Ich hörte einen schrecklichen Lärm und rannte weg." Der Pilot habe zwischen den beiden Startversuchen durchgesagt, es gebe "ein Problem mit der Klimaanlage, gleich danach starten wir". Ligia Palomino erlitt Verbrennungen und Schnittwunden im Gesicht sowie einen Oberschenkelbruch. Ihr Mann José, mit dem sie am Sonntag auf Gran Canaria ihren 42. Geburtstag feiern wollte, liegt ebenfalls verletzt im Krankenhaus, über das Schicksal der Schwägerin war zunächst nichts bekannt. Beatriz Reyes (41), die sich selbst retten konnte: "Ich spürte, dass etwas mit dem Flugzeug nicht stimmte. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich meinen Kopf hob und das Flugzeug kein Dach mehr hatte." Zwei neue Zwischenfälle im Luftverkehr Eine Boeing 767-300 der Fluglinie Condor mit 265 Passagieren musste gestern mit nur einem Triebwerk in Mombasa (Kenia) notlanden, weil aus der zweiten Düse Treibstoff ausgetreten war. Der Jet war auf dem Weg von Mauritius nach Frankfurt. Auf dem Flughafen Frankfurt/Main ist ein Airbus A340 der Lufthansa mit 224 Passagieren aus Teheran mit einem leeren Bus kollidiert - nur Blechschaden. Quelle: Hamburger Abendblatt (abendblatt.de)
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